Ein kränkende Gesellschaft

Wer will, der kann nicht. Wer kann, der will manchmal nicht.

Seit rund 13 Jahren verbringe ich einen Teil meiner Lebenszeit in Warteräumen. Bei unterschiedlichsten Ärzten. Vom Hausarzt, über den Facharzt, bis zum Spezialisten komme ich mittlerweile auf 8 unterschiedliche Gewerke.

Ich bin froh, dass es diese Gewerke und die damit einhergehende Versorgung in Deutschland gibt. Ich bin dankbar, dass sie mir in den Jahren so sehr geholfen haben.
Aber ich mache mir auch Sorgen. Sorgen um das System, in dem wir uns zurecht finden sollen. In einem System, in dem der „Normale“ zu Zahl wird und von links nach rechts auf dem Rechenschieber geschoben wird.

 

Jeder von uns wird zu einer Variable.

 

Addiere ich die Anzahl der Termine pro Jahr, multipliziere sie mit der länge meines Therapieverlaufs kommen schnell zwischen 25-30 Tagen (netto) zusammen, die ich in den Praxen verbracht habe.

Dabei wartete ich die meiste Zeit. Las unzählige Geo Magazine, Kickers und und und.

Doch die Zeit des Wartens nahm über die Jahre immer stärker zu.

Erst neulich wartete ich ich auf einen Routine Untersuchungstermin, wie er für mich in den letzten 13 Jahren bestimmt 50 – 60 mal stattfand rund 3,5 Stunden.
Noch dazu war ich 1,5 Stunden, bevor der Termin stattfand vor Ort, um mich anzumelden.

Zur Anmeldung wurde ich aufgerufen, als gerade mein Termin stattfinden sollte. Andere, die nach mir kamen, waren 15 Minuten vor ihrem Termin dort. Mussten aber rund
1,5 – 2 Stunden warten, bis sie zur Anmeldung aufgerufen wurden.

Man kann sich vorstellen, wie die Stimmung in einem solchen Wartebereich ist. Noch dazu, weil viele, auch ich, rund 4-6 Monate vorher einen solchen Termin machen müssen.

Wenn man da sitzt, kommt man mächtig ins grübeln. Denn es ist nicht so, als hätte man sich diesen Ort ausgesucht. Leid tun einem dann vor allem auch die wenigen Personen, die versuchen den Prozess am laufen zu halten.

Im Eiltempo flitzen sie an dir vorbei. Im Regelfall sogar noch mit einem kurzen Lächeln. Was man ihnen zwar im Regelfall nicht abnimmt, einen aber umso mehr erfreut. Schließlich hat man die Hoffnung, doch der nächste zu sein.

 

Nur im Stau verbringt man noch mehr Zeit

 

Deren Gesamtlänge in Deutschland betrug 2015 1,1 Millionen Kilometer – eine theoretische Autoschlange, die 28 Mal um die Erde reichen würde. Vielpendler verbringen einen Großteil ihres Lebens in den Fahrzeugketten.

Auch hier ist es das System, das irgendwann zu kollabieren droht. Nämlich dann, wenn vermehrt Fehler auftreten.

Wer das Buch von Nassim Taleb „Antifragilität“ gelesen hat, wird vielleicht gerade in dieser Situation eine Chance erkennen. Einen Neuanfang, in dem sich alles neu ausrichtet. Doch ich glaube da nicht dran.

Wenn man Taleb fragt, was „Antifragilität“ sei, dann antwortet er meist folgendes

„Wenn ich Leute frage, was das Gegenteil von „zerbrechlich“ sei, dann antworten Sie „stabil“ oder „robust“. Doch das Gegenteil von „positiv“ ist nicht „neutral“, sondern „negativ“. Somit sollte das Gegenteil von „zerbrechlich“ etwas sein, das an Schocks nicht nur nicht zerbricht, sondern davon sogar stärker wird. Ich nenne es antifragil. Fragile Dinge hassen Unruhe. Antifragile Dinge hingegen lieben das Chaos.“

Für mich beschreibt unsere heutige Versorgungssituation noch nicht das Chaos, aber es zeigt uns, wie schnell Hilflosigkeit entstehen kann.

 

Der mündige Patient

 

Denn es gibt nur wirklich wenige, die das System durchblicken. Und ob die, die das System durchblicken schlauer, oder sogar gesünder sind, weiß man auch nicht. Zumindest haben sie einen Weg gefunden, einen Mehrwert aus diesem Labyrinth zu generieren.

Ich für mich kann nur sagen, das Skepsis noch nie so gut angebracht war wie heute. 2mal Fragen ist besser als 1mal. 3mal Fragen ist besser als 2mal.

In mancher Hinsicht könnte man mich sicherlich auch Nervensäge nennen. Vor allem dann, wenn ich wieder mal irgendwo in einem Wartebereich sitze.

 

Digital hat nichts zu melden

 

Doch in knapp 13 Jahren macht man sich seine Gedanken. Vor allem wenn man Tag für Tag mit Problemstellungen und einem Thema zu tun hat, das jedem von uns begegnet.

Wie können digitale Entwicklungen gegebenenfalls Abhilfe schaffen. Wie können Technologien unterstützen, um Wartezeiten zu verringern oder auch Transparenz zu schaffen?
Gerade die Transparenz ist doch eine Komponente, die wir alle fordern, und die uns in dieser Situation helfen würde.
Denn wenn du dann mal endlich deine Termin hattest, dir der Arzt seien 5-10 Minuten geschenkt hat, dann beginnt eine weitere Wartephase.

Denn bis der Bericht bei dir eintrudelt, oder sich jemand die Zeit nimmt, dir das Ergebnis zu erläutern, steht meistens schon der nächste Termin vor der Tür.

 

Neue Player erobern den Markt

 

Und plötzlich siehst du dich mit Anbietern konfrontiert, die so in deinem Wahrnehmungsfeld noch nicht aufgetaucht sind. Einer von Ihnen ist Salesforce, die mit ihrer Health-Cloud einen komplett neuen Ansatz gehen.
(https://www.salesforce.com/solutions/industries/healthcare/health-cloud/)

Ob über die Health Timeline, den Care Plan, oder dem „persönlichen“ 1:1.
Diese Plattform richtet sich an deinem täglichen Leben aus. Und sie aggregieren bei weitem nicht nur Daten, wo es sich um deine Gesundheit dreht.

Ich bin wirklich gespannt, welche Player sich in den nächsten 5 Jahren mit unserer Gesundheit auseinandersetzen werden.

Auf meiner Liste stehen Unternehmen wie Amazon, Salesforce und Co ganz oben.

Ich ordere mir dann mal wieder eine neue Überweisung.

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