Geistreiches Nichtstun

Die Philosophie weiß es längst und die Wissenschaft entdeckt es immer mehr für sich. Hirnforscher und Psychologen zeigen, wie wichtig Auszeiten und Momente des Nichtstuns sind: Diese fördern nicht nur die Regeneration und stärken das Gedächtnis, sondern sind geradezu die Voraussetzung für Einfallsreichtum und Kreativität, vor allem aber für das seelische Gleichgewicht. Das entlastet. Vor allem in einer Zeit, die manch einer als

Die Zeit der organisierten Ablenkung

beschreibt. Da hilft es, einen eingebauten Ideengenerator zu besitzen, der uns vor der Verkümmerung der eigenen Gedanken schützt.

Der Begriff der Serendipität (er bezeichnet eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist) hat daher nicht erst in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, auch wenn er in Medien und Wissenschaft aktuell immer mehr Einsatz findet. In dem Buch Serendipity „Wer nicht sucht, der findet“ beschreiben Miriam Meckel und Daniel Rettig zum Beispiel 77 Entdeckungen, die Geschichte schrieben. Erstmals aufgetaucht sein soll er im Jahre 1754. Die weltweite Verbreitung, die der Begriff vor allem in wissenschaftlichen Kreisen erhielt, geht allerdings auf den US-amerikanischen Soziologen Robert K. Merton (1910–2003) zurück. Er findet sich erstmals 1945 in seinem Werk The Travels and Adventures of Serendipity.

Serendipity, die Zeit für unbeabsichtige Genialität, erfordert allerdings auch eine Form der Vorbereitung

Die zufällige Entdeckung von wichtigen, nicht gesuchten Erkenntnissen durch einen theoretisch vorbereiteten Geist

Robert K. Merton

Doch wie schaffen wir Ausgleich und Pausen, in denen wir uns für die unbeabsichtigte Genialität vorbereiten? Dafür ist in der Informationsgesellschaft kaum Zeit.

Achtsamkeit-Workshops, Entschleunigungs-Retreats und Schweige-Wochenenden werden auf einmal zu Trendthemen auf den gängigen Buchungsplattformen.
Unternehmen gönnen sich externe Coaches, um die eigenen Mitarbeiter von der Arbeit zu entlasten und ihren persönlichen Gestaltungsspielraum zu vergrößern. Sie fordern das intensive Nachdenken über den aktuellen Ist-Status, um daraus Energie zu schöpfen.

Doch glaubt nicht, dass das intensive Nachdenken über eine Sache die Lösung für alles ist. Denn das bewusste Denken folgt oft nur den bekannten, ausgetretenen Pfaden. Wer allzu verbissen nach der Lösung sucht, würgt häufig seine Kreativität ab.


Vor hundert Jahren hätte man uns vermutlich alle als Neurastheniker eingestuft, als nervenmüde Zeitgenossen, gefangen in einem wahnhaften Aktionismus, der uns ständig vorwärtspeitscht – und uns doch nie bei uns selbst ankommen lässt. Statt in unserer jeweiligen Handlung aufzugehen und im besten Falle den Flow, den Rausch des konzentrierten Schaffens erleben zu können, fühlen wir uns fahrig, fremdgesteuert und irgendwie nur halb anwesend. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind nicht nur die Ruhe zum Denken und zum konzentrierten Arbeiten, sondern auch die Wertschätzung unseres Lebens.

Vom geistreichen Nichtstun, Zeit Online 2010

Ausgleich entsteht durch Freiraum

Dass schon der Anblick von Wiesen und Bäumen einen erholsamen Effekt hat, ist mittlerweile sogar wissenschaftlich bewiesen.  Selbst das bewusste Atmen erzeugt bei manch einem von uns schon wahre Wunder.
Und in der Natur, wo die Reizdichte enorm reduziert ist, wird der geistige Kraftspeicher gründlich aufgefüllt. 

Doch selbst das unbewusste Handeln, erfordert oftmals eine starke Fokussierung. Gerade in einer Zeit, wo die Uhr uns durch den Arbeitsalltag treibt und das Homeoffice, Job und Privates verschwimmen lässt.


Setzen Sie sich erst bewusst-rational mit den Argumenten auseinander, aber vertagen Sie die Entscheidung. Lenken Sie sich ab, schlafen Sie drüber. Die vorbewussten, intuitiven Netzwerke in Ihrer Großhirnrinde erledigen den Job für Sie.

Gerhard Roth, Hirnforscher

Das geistreiche Nichtstun erfordert also auch eine Form von Willenskraft. Es erfordert den Willen, sich bewusst zu enthalten und dem Motor der Gedanken eine Pause zu gönnen. Leider allzu oft gar nicht so einfach, wenn die Zündschnur des Gedankenfeuerwerkes schon zu brennen begonnen hat. Da hilft dann manchmal doch nur der Gang in die Natur, oder auf die Fairways der Region.

Aber wer immer noch Sorge vorm Nichtstun und der Ermüdung der Gedanken hat, dem sei folgendes mit auf den Weg gegeben.

Hirnforscher haben herausgefunden, dass unser Denkorgan beim ziellosen Nichtstun keinesfalls untätig ist; im Gegenteil, manche Hirnregionen sind beim Tagträumen, Schlafen oder Meditieren sogar stärker aktiv als beim zielgerichteten Denken. Befreit von Input, kann das Gehirn gewissermaßen in sich selbst spazieren gehen.

Über den Autoren:

André Paetzel
André Paetzel
Mein Name ist André Paetzel und ich bin 32 Jahre jung. Ein echtes Kind des „Ruhrpotts". Nach meinem Abitur zog es mich ins Rheinland, wo ich in die Medienwelt eintauchen durfte. Heute bin ich als Brand Experience Officer bei Kienbaum tätig.
Seit nun mehr 10 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Marken im Kontext der Digitalisierung. Diese Welt reizt und inspiriert mich.

In meinen #MicroMoments halte ich sie für euch und mich fest.

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