Pandemischer Crash

Es ist Mittwoch. Der 01.01.2020

Happy New Year. Die erste Neujahrsparty als kleine 3-köpfige Familie.
„Frohes Neues Jahr“ flüstere ich meinem knapp 4 Monate alten Sohn ins Ohr und erzähle ihm von den vielen tollen Dingen, die ich mir für dieses Jahr mit ihm vorgenommen habe.
Baby Schwimmkurs machen, Traktor fahren bei der Tante, Kindertanzkurs, große Geburtstagsparty zum 1 Geburtstag im August und in Dezember dann zum ersten mal so richtig auf den Weihnachtsmarkt.

Diese Vorstellung, die ich mir damals gemacht habe, fühlt sich auch heute noch gut an. Am 11.12.2020. Knapp 1 Jahr später. Kurz vor Weihnachten. Kurz vor dem nahenden „Lockdown“.

Lock was …? Hätte man mir in besagter Nacht gesagt, ich solle die Gedanken genießen, sie würden in der Form nicht in Erfüllung gehen, hätte ich an vieles gedacht. Aber meine Vorstellungskraft hätte nicht an einen „Lockdown“ gedacht.

Es kommt anders als du denkst

Und es kam wie es kommen sollte. Ich erinnere mich noch gut an die ersten Szenen in der Tagesschau, wo ein Kreuzfahrtschiff gezeigt wurde, von dem die Reisenden nicht runter durften. Es wurde von einem Virus berichtet. Es fühlte sich weit weg an. So wie viele Nachrichten, die man aus fernen Ländern hört. Man schüttelt dann kurz den Kopf und geht zu oft seiner üblichen Beschäftigung nach.

Doch diese Nachricht hatte innerhalb der folgenden Tage eine Regelmäßigkeit. Immer wieder wurde vom besagten Virus gesprochen, der in den folgenden Monaten keinen Halt kennen sollte. Ozeane und Landesgrenzen wurden überflügelt. Immer mit im Gepäck. Uns Menschen. Die, die sich nach Freiheit sehnen und ihre individuelle Entfaltungskraft in vollen Zügen ausleben.

Und dann war es da. In einer Zeit, in der Menschen sich in den Armen liegen und „bützen“ machten wir es dem Virus einfach. 50km Luftlinie von unserem Zuhause, verbreitete es sich so auf einer Karnevalsparty und sollte die gesamte Region innerhalb weniger Stunden in eine Krise stürzen.

Tausende Kilometer hatte es bis hierhin überbrückt. Um es sich hier, wie auch in vielen anderen Ländern heimisch zu machen.
An dem Thema kam nun keiner mehr vorbei. Und es folgte was folgen musste. Wir alle wurden fast täglich damit konfrontiert. Die ersten Auswirkungen wurden spürbar und das tägliche Leben fühlte sich nicht mehr so an, wie es einmal war.

Jetzt mal Ruhe

Es folgten Monate der Ernüchterung, der Fragezeichen und teilweise sogar der Wut. Das „bekannte“ Leben wurde von jetzt auf gleich vor neue Herausforderungen gestellt. In den folgenden Monaten waren es nämlich nicht die Babyschwimm- und Tanzkurse, die uns die Zeit versüßen sollte, sondern das HomeOffice, das uns näher zusammenrücken ließ. Es zeigte uns unsere kreativen Grenzen und ließ uns bei unseren täglichen Spaziergängen so manch einen bunten Stein entdecken.

Die Tage wurden bestimmt von Zahlen. R-Faktor, Infektionszahl, Intensivbetten. An ihnen kam man nicht vorbei. Die erste Welle brachte diverse Einschränkungen mit sich.

„Bleibt Zuhause, #flattenthecurve, reduziert die Kontakte, stay at home“

Von Instagram Challenges, über private Zoom-tastings war alles dabei. Und wir bekamen diese Kurve in den Griff. Gemeinsam erarbeiteten wir uns wieder ein Stück Normalität. Wir begegneten unserem „normalen“ Leben mit 1,5m Abstand, aber hatten vieles von dem zurück, was wir schätzten. Zwar oft mit Maske, aber hey …

Die Politik lockerte die Beschränkungen und die Übergangszeit vom Frühling in den Sommer brachte wunderschöne Tage mit sich. Der Sommer glänzte mit blauen Himmel und viele von uns verschwanden in die Ferne. Wir hielten den R-Faktor niedrig und auch die Infektionszahl.
Doch mit Ende der Ferien in einigen Bundesländern änderten auch die Zahlen ihre Dynamik. Eine leichte Tendenz der Verschlechterung zeichnete sich ab.

Es wurde August. Und so saßen wir hier und überlegten, wie wir denn nun den ersten Geburtstag unseres Sohnes feiern wollen. Schließlich hatten wir schon im Juli rund 40-50 Freunde und Familienmitglieder eingeladen.
Am Ende wurde es nur der engste Kreis. Schade und traurig. Wie gern hätten wir die Menschen um uns herum gehabt, die uns auf unserem Weg begleitet haben.
Aber unser Bauchgefühl stimmte uns misstrauisch. Denn dieser Virus, der sich immer verkriecht und sich nicht blicken lässt, wollte nicht loslassen.

Wir holten diese Tag bei vielen kleinen Treffen nach. Bei Pizza, Burger, Eis und Co. Für uns, die Familie und Freunde eine neue Form des „Nachfeierns“. Aber, es war schön. Schließlich hatten wir lange etwas davon.

Heute blicke ich 4 Monate zurück und denke mir „Wir waren echt verhalten, aber es war richtig“. Doch in mir staut sich die Wut. Ich blicke in die Nachrichten und denke mir „Wie konnte das passieren? Wir hatten das Virus doch im Griff!“

Anscheinend nicht. 30.000 Neuinfektionen. 600 Tote. An einem Tag.

Letzte Woche musste ich zu Routineuntersuchungen in die Uniklinik. Ein Weg, den ich seit über 10 Jahren mehrmals pro Jahr auf mich nehme. Und nie fühlte er sich so komisch und schwer an wie jetzt. Schon im ersten Lockdown musste ich in die Klinik. Ich war vorsichtig und achtsam. Hatte aber kein ungutes Gefühl. Nun war es anders. Ein Nebel lag über dem UKD. Ein dumpfer Klang. So, als wenn jemand das gesamte Gelände in Watte gepackt hätte. Nach verlassen des Geländes atmete ich tief durch. Wohlwissend, dass es nun noch einmal richtig losgehen würde.

Den Willen zum durchhalten

Nun stehen wir kurz vor einem „harten Lockdown“. Hart, weil er uns vermutlich viel mehr einschränken wird, als wir es dieses Jahr erlebt haben.
Er wird uns „unser Weihnachten“ nehmen, wie wir es kennen und lieben gelernt haben. Er wird uns auf Distanz halten. Zu unserer Familie und Freunden.
Er wird uns individuell fordern. Vermutlich intensiver als das gesamte Jahr.

Und doch ist die Entscheidung richtig. Blickt man auf Twitter und Co, fordern immer mehr den „harten Lockdown. Jetzt“.
Man mag sich fragen, warum wir uns nicht einfach einschränken. Aber die Antwort liegt vermutlich zu nahe.

„Weil wir es nicht können“

Das haben wir bewiesen. In unserem Umfeld sehen wir das Verhalten der Anderen. Schütteln den Kopf, aber tun nichts. Lang andauernde Freundschaften werden auf den Prüfstand gestellt. Aufgrund unterschiedlicher Ansichten, Naivität und dem individuellen Handeln.

Verzicht ist zur Mutprobe geworden. Während manch einer sich an die Regeln hält, testen andere ihre Grenzen aus. Das ist menschlich, aber nicht solidarisch.

Ich glaube, dass wir diese Zeit überstehen werden. Aus ihr stärker hervorgehen. Aber sie wird uns auf die Probe stellen. Sie wird uns phasenweise an die Grenzen bringen. Vor allem dann, wenn wir uns kontinuierlich im Vergleich üben. Schon immer gab es Grenzgänger. Vermutlich hat auch jeder von uns diese schon ausgetestet.

Lasst uns bitte jetzt noch einmal mental zusammenstehen und diese Phase überbrücken.

Lasst uns diese Zeit, als Zeit der individuellen Herausforderung betrachten.

Eine Zeit, in der wir uns und unsere Gedanken neu kennenlernen.

Eine Zeit, in der wir uns neu justieren und fokussieren können.

Wir wissen wie es funktioniert.

Wir wissen, dass nur wir, mit unserem Verhalten, die Zukunft gestalten.

Bleibt gesund. Achtet aufeinander. #flattenthecurve #stayathome

Über den Autoren:

André Paetzel
André Paetzel
Mein Name ist André Paetzel und ich bin 32 Jahre jung. Ein echtes Kind des „Ruhrpotts". Nach meinem Abitur zog es mich ins Rheinland, wo ich in die Medienwelt eintauchen durfte. Heute bin ich als Brand Experience Officer bei Kienbaum tätig.
Seit nun mehr 10 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Marken im Kontext der Digitalisierung. Diese Welt reizt und inspiriert mich.

In meinen #MicroMoments halte ich sie für euch und mich fest.

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